2007 - Summertime and the living is easy?

31.07.2007 | 

Ein Artikel unseres 1. Vorsitzenden Prof. Dr. Bernd Eikelmann.

Liebe Tagesklinikfreunde,
nachdem auch hier im sonst schwülwarmen Südwesten der Sommer nicht so richtig anspringen will, haben Sie vielleicht Zeit, sich folgenden Gedanken zu öffnen.

Aussichten des Faches oder Wandel der Wahrnehmung?

In der vorletzten Woche fand ich bei CNN die Nachricht, dass im Jahr 2005 in den Vereinigten Staaten die antidepressiven Medikamente mit knapp 120 Millionen Verordnungen die meistverschriebene Medikation vor den Antihypertensiva waren. Tendenz: steigend. Es liegt nicht lange zurück (2005), dass in einer Reihe von wissenschaftlichen und populären Artikeln die Überlegung angestellt wurde, ob antidepressive Medikamente nicht überhaupt die ideale Neuinszenierung von des „Kaisers neue Kleider“ seien, ob sie überhaupt wirksam seien, weil im Einzelfall der Wirkunterschied gegenüber Placebos vergleichsweise gering ausgefallen ist. Der „Markt“ spricht jedoch eine andere und deutliche Sprache.

In ähnlichem Kontext

Sodann war zu lesen, dass die Betriebskrankenkassen in ihrer Statistik zu den Arbeitsunfähigkeitstagen einen weiteren Anstieg der durch psychische Krankheiten verursachten AU-Tage festhalten; diese machen jetzt fast 10 % der gesamten AU-Tage aus. Über die letzten Jahre war hier ein kontinuierlicher Anstieg zu verzeichnen, in diesem Zusammenhang spielen vor allen Dingen Depressionen eine große Rolle. Mittlerweile gibt es weltweit eine zunehmende Beweislage zur Bedeutung der Depression für Arbeitsunfähigkeit und Frühberentung, auch wenn sich das bei Sozialgerichten (und Gutachtern) und einzelnen Kollegen noch nicht herumgesprochen hat. Meines Erachtens sind Tageskliniken besonders geeignet, diesen Menschen therapeutisch zu helfen, aber auch zu verhindern, dass sie dauerhaft arbeitsunfähig werden. Ich sehe hier einen besonderen Schwerpunkt der tagesklinischen Arbeit.

Zugang zu Behandlungsangeboten

Hier im Südwesten, aber auch anderswo in Deutschland, sind stationäre und teilstationäre psychiatrische Kapazitäten chronisch überlastet. Die Karlsruher Klinik (was die Größe anbetrifft siehe Internet) hat eine Belegung von knapp 100 %, es ist ein sehr effektives Belegungsmanagement (für innen und außen) installiert und trotzdem gibt es eine Zahl von knapp < 10 von zusätzlichen Bett(gestell)en, die im Einzelfall notfallmäßig aufgestellt werden müssen, um der Nachfrage bei Spitzen Herr zu werden. In der Nachbarschaft (Wiesloch, Calw-Hirsau, Klingenmünster) sieht es nicht besser aus.

 

Gleichzeitig geht es in der Planung zusätzlicher zum Beispiel teilstationärer Kapazitäten nur langsam voran. Wird das nicht dazu führen, dass anderen Orts, weit weg von den Städten, ohne Mittel der öffentlichen Krankenhausplanung neue psychotherapeutische und psychosomatische Angebote entstehen? Werden dann nicht Patienten, die wirklich die Wahl haben, diese neuen Angebote in Anspruch nehmen, anstatt in die überlaufenen, zum Teil finanziell ausgedörrten gemeindenahen Angebote zu gehen?


Atypika und neue Antidepressiva – eine Betrachtung

Die pharmazeutische Industrie scheint hinsichtlich psychopharmakologischer Innovationen momentan auf dem Schlauch („Pipeline“) zu stehen. Die Stadt Karlsruhe ist betroffen von dem Weggang der Firma Pfizer, jedenfalls von den größeren Teilen. Pfizer Mitarbeiter werden nach Berlin in die Nähe der Entscheider umziehen, nachdem die Firma durch das Auslaufen mehrer Patente gleichzeitig gebeutelt ist. Da die großen zumeist amerikanischen Firmen in nächster Zeit keine neuen psychopharmakologischen Präparate in den Markt bringen werden – mit wenigen Ausnahmen  – wird auch das Sponsoring für Veranstaltungen oder bestimmte Forschungsaktivitäten nachlassen. Diese Klage hörte ich jedenfalls zuletzt an mehreren Stellen, nicht zuletzt von einem Vorsitzenden eines Landesverbands der Angehörigen psychisch Kranker, ich bin relativ sicher, dass dieses Phänomen auch auf andere Veranstaltungen und Veranstalter übergreifen wird. Ist das Sponsoring der Pharmabranche ausschließlich Marketingmaßnahme gewesen? Sind, so legt das Studium der CATIE-Studie nah, die atypischen Neuroleptika ausschließlich heiße Luft aus den Marketingabteilungen nordamerikanischer Pharmakonzerne gewesen? Risperidon, Olanzapin, Quetiapin etc. und wie sie alle heißen bieten untereinander keine Vorteile untereinander und gegenüber den Neuroleptika der ersten Generation? Mit dem Auslaufen der Patente für Risperidon und and Olanzapin werden neue Antworten gefunden.

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