Winterbrief des 1. Vorsitzenden der DATPPP
18.12.2009 |
Prof. B. Eikelmann zu aktuellen Themen aus der tagesklinischen Szene
Winterbrief
von Bernd Eikelmann, Karlsruhe
Liebe Tagesklinikfreunde,
überraschenderweise geht das Jahr 2009 bald zu Ende. Es hat aus Sicht der Arbeitsgemeinschaft der psychiatrischen und psychotherapeutischen Tageskliniken eine große und mehrere kleine Überraschungen für uns parat gehalten.
I.
Die große, freudige Überraschung kam Ende Oktober 2009 über uns, als man auf der Internetseite des DIMDI lesen konnte, dass es eine neue OPS-Version 2010 gibt, mit einem Kapitel 9, in dem die Behandlung bei psychischen und psychosomatischen Störungen als „ergänzende Maßnahmen“ für die restliche Medizin - systematisch in Prozeduren unterteilt - dargelegt wird. Ergänzende Maßnahmen, finde ich, klingt schon mal toll. Medizin ist in diesem Operationen- und Prozedurenschlüssel zusammengesetzt aus diagnostischen Maßnahmen, Bild gebender Diagnostik, Operationen, aus der Applikation von Medikamenten, aus nicht operativen therapeutischen Maßnahmen und schließlich diesen ergänzenden Maßnahmen.
Diese ergänzenden Maßnahmen bestehen z. B. aus geburtsbegleitenden Maßnahmen, aus Behandlung wegen Infertilität, aus phoniatrischen und pädaudiologischen Therapien usw. und ferner aus psychosozialen, psychosomatischen, neuropsychologischen und psychotherapeutischen Therapien. Bevor dann unter 9-60 - 9-64 die Behandlung bei psychischen und psychosomatischen Störungen und Verhaltensstörungen bei Erwachsenen aufgelistet wird bzw. unter 9-65 - 9-69 Behandlung bei psychischen und psychosomatischen Störungen und Verhaltensstörungen bei Kindern und Jugendlichen dargetan wird.
Ganz einfach gesprochen wird hier ein neues Finanzierungssystem eingeführt. Die Finanzierung soll nicht mehr oder nur noch für kurze Zeit über die Psych-PV laufen, hierzu werden so genannte Pseudo-OPS eingeführt (9-98 – 9-99); danach kommt diese neue Taxonomie zum Einsatz, und die hat es in sich.
Vorbemerkung Nr. 1:
Die Dokumentationsarbeit für uns alle wird sich vervielfachen, die Vergütung für alles insgesamt wird gleichbleiben aber, relativ auf die Dokumentation und Abrechnung bezogen, abnehmen.
Vorbemerkung Nr. 2:
Während die Krankenkassen sich weigern, die Psych-PV zu 90 oder gar zu 100% zu erfüllen, also ihren gesetzlichen Pflichten zu folgen, wird mehr Arbeit von den Tagesklinikern erwartet, für Gotteslohn.
Zurück zum Hauptproblem: Sie müssen sich jetzt vorstellen, dass Sie künftig Therapieeinheiten anbieten, die mindestens 25 Minuten dauern, jedenfalls soweit sie als Einzeltherapie laufen. Sind es Gruppentherapien, dann ist eine ganze Therapieeinheit –natürlich - 100 Minuten lang. Wieso eigentlich? Egal!
Sie werden in Berufsgruppen unterteilt ihre Dienste anbieten, nach Ärzten, Psychologen einerseits, nach Spezialtherapeuten (z. B. Ergotherapeuten, Sozialarbeiter, Logopäden, Kreativtherapeuten) und Pflegefachkräften andererseits unterschieden. Spezialtherapeuten und Pflegefachkräfte z.B. bieten Bezugstherapeutengespräche, Behandlung durch die spezialisierte psychiatrische Pflege, ergotherapeutische Behandlung, psychosoziale Interventionen wie Selbstsicherheitstraining, Kreativtherapien, usw. an. Schöne neue Welt der Tagesklinik. Endlich sagt Ihnen einer, wer was zu tun hat.
Immerhin: Die hier genannten Verfahren können voll- und teilstationär angewandt werden.
Handelt es sich hingegen um eine Intensivbehandlung bei psychischen und psychosomatischen Störungen (und Verhaltensstörungen von Erwachsenen), dann ist es nur vollstationär möglich. Hierbei haben die Patienten noch folgende Merkmale aufzuweisen:
Sie sollen entweder gesetzlich untergebracht sein, sich selbst oder andere gefährden, schwere Antriebsstörungen aufweisen, keine eigenständige Flüssigkeits-, Nahrungsaufnahme durchführen können, durch fehlende Orientierung selbstgefährdet oder in Entzugsbehandlung mit vitaler Gefährdung. Das DIMDI, möglicherweise angeregt durch Fachberater, hat beschlossen, dass so etwas nicht teilstationär zu organisieren ist. Mindestens bei den Unterpunkten schwere Antriebsstörung, keine eigenständige Flüssigkeits-, Nahrungsaufnahme würde ich mich trauen, zu widersprechen.