Forschung in Tageskliniken für
Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik

 

Empirische Untersuchungen im Bereich der Versorgungsforschung evaluieren eine komplexe Praxis. So stellen viele Studien Kompromisse zwischen methodischen Postulaten und praktischen Notwendigkeiten dar. In der Regel handelt es sich deswegen um explorative Untersuchungen, die der Hypothesenbildung dienen. Diese können in anderen ähnlichen Untersuchungen konfirmiert, repliziert oder, was in diesen Zusammenhängen leider seltener passiert, falsifiziert werden. Der Wissenszugewinn ist nur langsam und äußerst kompliziert zu realisieren: Letzte Schlüsse über die Effektivität können „nur“ kumulativ und langsam aufkommen und basieren auf Gemeinsamkeiten aus vielen „weniger-als-idealen Studien“ (Cowen 1978).

 

Bisherige Studien zu Tageskliniken in Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik sind in toto durch zu kleine Fallzahlen, durch oftmals fehlende Randomisierung, fehlende Kontrolle der Diagnose, soziodemographischer Variablen sowie der Behandlungsbedingungen und durch zahlreiche Dropouts eingeschränkt (Creed et al. 1989). Die meisten Untersuchungen werden unter „naturalistischen“ Versorgungs-bedingungen und nicht in experimentellen Settings ausgeführt. Eine wichtige zukünftige Aufgabe der Forschung wird daher sein, diese Bedingungen (Patientenvariablen, Programme, Mitarbeiterzahl, Milieutyp der Tagesklinik etc.) möglichst genau zu definieren.

 

Unter den Studien zur Effektivität und Indikation der psychiatrischen, psychotherapeutischen und psychosomatischen Tagesbehandlung imponiert die Vielfalt der Ansätze, mit der versucht wurde, der Komplexität des Untersuchungsgegenstandes zu begegnen. Es finden sich im wesentlichen longitudinale Prä-Post-Vergleiche mit differenzierten statistischen Analysen; sie schließen das Goal-Attainment und Follow-Ups ein. Häufig handelt es sich um Querschnittsvergleiche, die Populationen in Klinik und Ambulanz zum Vergleich heranziehen. Wir entdecken ferner Vergleichs- und Kontrollstudien (z.B. Matched-Pairs), die Patienten der Tagesklinik mit Krankenhaus oder Ambulanz zum Teil im Multicenteransatz vergleichen. Randomisierte Kontrollstudien zählen zu den Ausnahmen, wie z.B. eine von kanadischen Psychoanalytikern angefertigte Studie zurr Effektivität der tagesklinischen Behandlung von Patienten mit Persönlichkeitsstörungen und depressiven Verstimmungen (Piper et al. 1993), die eine randomisierte Gruppe sechs Wochen behandelten und eine zweite warten ließen, oder von britischen Psychoanalytikern, die das Mentalization-based-Treatment (MBT) in die Tagesklinik erfolgreich einführen konnten (Bateman & Fonagy 1999, 2001, 2006).

Als Quintessenz lässt sich festhalten, dass bei Beachtung der Selektionskriterien die Ergebnisse der tagesklinischen Behandlung den Vergleich mit der vollstationären Therapie bei keiner Patientengruppe zu scheuen brauchen: Die Tagesbehandlung erwies sich in vielen Belangen (z.B. dem psychopathologischen Outcome) der Klinikbehandlung als ebenbürtig und in mancher Hinsicht sogar überlegen.


Inzwischen gibt es mehr und mehr Studien zu verschiedenen Diagnosegruppen.
Forschung zur Tagesklinik stellt daher einen wichtigen Teilbereich psychiatrischer, psychotherapeutischer und psychosomatischer Wissenschaft dar:

 

  • Wer beansprucht teilstationäre Angebote mit welchem Erfolg (Outcome-Forschung)? 
  • Wie lassen sich besondere Indikationen der tagesklinischen Therapie beschreiben und in der Praxis evaluieren?
  • Welche Aspekte sind im therapeutischen Ablauf für das Ergebnis bedeutend (Prozessforschung)?
  • Wie erleben Nutzer, Therapeuten oder Angehörige die Behandlung?
  • Was kostet sie im Vergleich zu keiner Behandlung, zu einer Behandlung unter klinischen Bedingungen oder zur ambulanten Behandlung kurzfristig, mittelfristig und langfristig (public health-Forschung)?
  • Was wirkt nach welcher Zeit und wodurch in der Tagesklinik (Prozessforschung)?

 

Die Deutsche Arbeitsgemeinschaft fördert und unterstützt wissenschaftliche Forschung zu Tageskliniken in Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik. Sie hat eine AG gebildet, die von Prof. Dr. med. Ulrich Schultz-Venrath, Chefarzt der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik im Evangelischen Krankenhaus, Kooperationsklinik der Universität Witten/Herdecke (Ferrenbergstr. 24, 51465 Bergisch Gladbach, Tel.: 02202-122333-882, schultzvenrath@dont-want-spam.freenet.de, http://www.evk.de geleitet wird.

Kontakt
Prof. Dr. med.
Ulrich Schultz-Venrath
Chefarzt der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik im Evangelischen Krankenhaus, Kooperationsklinik der Universität Witten/Herdecke.

Ferrenbergstr. 24
51465 Bergisch Gladbach
Tel.: 02202-122333-882

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